Zuse KG
Neukirchen, Bad Hersfeld (nördlich Fulda)
Deutschland

Nach abenteuerlicher Flucht mit seiner Z4 landete Konrad Zuse 1944 in 87541 Hinterstein (bei Sonthofen) und geht nach 87659 Hopferau (bei Füssen), wo er 1947 ein Ingenieurbüro eröffnet. Trotz der schlechten Infrastruktur der Nachkriegszeit erhielt er Besuch und Einladungen aus dem Ausland. Sogar Thomas Watson jr. (IBM-CEO) erhielt Kenntnis von der Z4 und kaufte Zuse-Patente auf (sogar DM für Reichsmark), um eine mögliche Konkurrenz auszuschalten, leider nicht zum Aufbau einer Zusammenarbeit.
Gruendung der ZUSE Kommandigesellschaft 1949 als erste Computerfirma in Deutschland und als wahrscheinlich erste reine Computerfirma überhaupt in einer ehemaligen Pferdepoststation (Relais-Station zum auffrischen der Pferde) in 34626 Neukirchen bei Fulda durch
- Konrad Zuse, (Bauingenieur, Geschäftsführung)
- Harro Stucken und (Vertrieb)
- Alfred Eckhard. (Nachrichtentechnik, Kaufmännischer Leiter)
Basis des Geschäftes waren die Z4 (Zuse4), welche an die ETH Zürich vermietet wurde, und die Entwicklung von mechanischen Rechenwerken für die "Rechenlocher" der schweizer Niederlassung der Firma Remington Rand.
1950 wurde die Z4, welche während des Krieges gebaut, in Bombennächten getestet und als tonnenschweres Gerät von Berlin über Göttingen nach Hinterstein im Allgäu auf der Flucht transportiert wurde, ausgeliefert und lief zuverlässig, sogar unbeaufsichtigt nachts durch, wohl wegen -und nicht trotz- des mechanischen (!) Speicherwerkes (veschiebliche Blechplatten). Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Erweiterungen, besonders die Möglichkeit bedingter Befehle, geplant.
Die ca. 30 ausgelieferten Kartenlocher dienten der Verarbeitung von Lochkarten, wobei sich das Rechnen auf kaufmännisch einfache Operationen + und * beschränkte (z.B: Menge mal Preis und Summen). Das Ergebnis musste an irgeneine Stelle der Lochkarte zurückgestanzt werden. Der Auftrag an eine so kleine "Start-up"-Firma war für den Initiator bei Remington Rand , Oskar Weder, ein hohes Risiko.
In dieser Nachkriegszeit begannen europäische Hochschulinstitute mit dem Eigenbau von Computern für wissenschaftliche Zwecke, während die Elektroindustrie abwartete, die Rechenmaschinenindustrie schlief und die Lochkartenfirmen die Rechenleistung ihrer Locher mit den gegebenen Mitteln verbesserten. (Noch 1960 liefen in der Auftragserfassung bei Neckermann die Locher von IBM.) Durch den Kontakt mit den Hochschulen konnten Verbesserungen erkannt und verwendet werden. Prof. Billing aus Göttingen (G1,G2,G3) war beispielsweise bei der Z22 beratend für die Zuse KG tätig.
Die Marktentwicklung fand zunächst mit Misserfolgen statt, weil die Firmen sich einen Vorteil durch elektronische Rechner (gemeint sind Relais und Röhre) nicht vorstellen konnten. Ein Teppichfabrikant war interessiert, als aber die "Künstler", die die Muster machten, die Programmierung gleich mitübernehmen sollten, verstanden sie dies als Ersatz ihrer Tätigkeit und Angriff auf ihre Existenz. Der Leiter des Rechnungswesens einer anderen Firma reagierte ebenfalls aggressiv ablehnend, da sein Rechnungswesen mit Menschen doch wunderbar funktionierte und eine Änderung durch Maschinen ihm persönlich keinen Vorteil brachten. Eine Fluggesellschaft lehnte die Beschaffung für Platzreservierung ab, weil der Computer nicht die nötige Überbuchung, also eine unexakte Zuordnung, zuließ und viele Kunden persönlich abgefertigt werden sollten.
Der Durchbruch war die Z5, welche durch die Firma Ernst Leitz Wetzlar bestellt wurde. Die für den optischen Strahlengang von Linsensystemen notwendigen Programme wurden durch Mathematiker der Zuse KG erstellt. Auch andere Firmen der optischen Industrie mussten nun aufholen und bestellten später Rechenmaschinen bei Zuse.
Die beiden Komplementäre Eckhard (zu SIEMAG) und Stucken (nach Brasilien) scheiden aus. Und nach erheblicher Kreditaufnahme wird Frau Gisela Zuse Komplementärin.
Das nächste Einsatzgebiet war die "Flurbereinigung" (Zusammenlegung versprengter Landflächen eines Hofes). Aus einem Spezialrechengerät zur Flächenmessung, das ein Reg.Rat Seifers der Flurbereinigungsbehörde München entwickelt hatte, entstand als (Weiter-) Entwicklungsauftrag die Z11. Es scheint sich um ein Rechnergestütztes Planimeter zu handeln, also der Berechnung der Fläche, die von einem manuell geführten Stift auf einem Papier umfahren wird. Viele Bundesländer, sogar aus Österreich, bestellten die Z11.
Beide maschinen Z5 und Z11 arbeiteten in Relaistechnik, wurden einzeln angefertigt, liefen aber -auch später, mit Lochstreifenlesern ergänzt- viele Jahre extrem zuverlässig, da sie sehr robust und einfach aufgebaut waren.
1957 entsteht die Z22, die erste elektronische Maschine des Hauses (hauptsächlich mit Röhren). Grundlage ist der puristische Architekturansatz "Minima" des Zuse-Mitarbeiters Dr.Fromme. Sie besaß einen Magnettrommelspeicher und einen Magnetkernspeicher, den wir heute mit Cache und RAM bezeichnen müssten. Man versuchte, möglichst viel mit dem Trommelspeicher abzudecken, da ein Magnetkern-Bit ca. 100 mal so teuer war wie ein Trommel-Bit. Außerdem wurde von Herrn Hanewinkel der Ferritkern als "Schnellspeicher" (soll wohl heißen: schnell zugreifbarer Speicher) konstruiert, wobei wenige Röhren aber gutes Material und eine genaue Justierung erforderlich waren. (Zeitweise war die Produktion wegen der nicht ausreichenden Betriebssicherheit hierdurch in Frage gestellt.) Entsprechend gab es eine Kurzadresse für die Trommel und eine Langadresse für den Magnetkernspeicher (sogenannter analytischer Code).
Die Z22 war ein guter Erfolg, sei war unter den Instituten, die sie selbst Programmierten, sehr beliebt. Und nachdem die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) die Universitäten ab 1958 mit reichlich Geld für den Rechnerkauf ausstatteten, konnten gute Preise erziehlt werden. Dies rief allerdings auch die inzwischen entstandene Konkurrenz finanzkräftiger Firmen auf den Plan: ER56 (Standard Elektrik), 2002 (Siemens), Telefunken. Die Zuteilung der Aufträge erfolgte schon damals nach dem Gießkannenprinzip: Jede Firma musste etwas abbekommen.
Die Firma leidet darunter, dass die relativ kleinen Zuse-Maschinen eher als Appetitanreger für die Großgeräte anderer Hersteller diente. Schon damals stritt man um das zentrale (Mainframe/ein Großrechner) und dezentrale (mehrere kleine Rechner) Konzept.
Der erste Transistorrechner Z23 kommt heraus. Leider sind die Programme der Z22 trotz ähnlicher Architektur nicht verwendbar.
Der erste RISC-Rechner war die ZUSE Z25. Sie wurde Kurzwortmaschine genannt, weil weniger Bit pro Wort und nur 36 feste Befehle verwendet wurden. Man erkannte damals schon den Gewinn an Geschwindigkeit. [Wort = eine zusammenhaengend in einem Takt verarbeitbare Bitfolge (heute: Byte)]. Bei der Verwendung eines neuen Transistortypes wurde nicht die entsprechende Löttechnik verwendet und eine Jahresproduktion von 20 Millionen Mark verzögerte sich drastisch, was die Gesellschaft an den Rand des Ruins brachte.
Die Z31 sollte eine kleine low-cost-Maschine werden, wurde aber zum Entwicklungspopanz bzw. zu einem ganz tollen teuren, noch besseren Rechner als die Z23. Entsprechend lief sie nur bei Spezialaufgaben wie der Schiffbautechnischen Versuchsanstalt in Hamburg. Die Entwicklung wurde schließlich ganz eingestellt.
Kleine Spezialgeräte werden auch gebaut (z.B: Saldoquick und Multiquick für SIEMAG). Auch eine durch Tastatur eingebbare Kerbung von Schlitzlochkarten, ein BDE-System (Z70) waren kein Erfolg. Und der "Feldrechner" zur parallelen Berechnung von Parametern in Gitterstruktur (z.B: Wettermessstationen) blieben wegen des ungeheuren Aufwandes/Kosten nur eine Idee. Der Auftrag zur Automatisierung der Planimetrischen Erfassung in der Landvermessung führte nur zu einer "Digitalanzeige", während der automatisierte Theodolit für die Firma Fennel in Kassel eine Codierscheibe (die erste?) für Winkel hervorbrachte. Über den Umweg der Fotografie und Abtastung in einem Umsetzgerät wurden die Winkel auf einen Lochstreifen gespeichert.
Der erste Plotter war sicherlich der Graphomat Z64, dessen Vorläufer Z60 (1958) lediglich Stützpunkte nach vorgegebenen Koordinaten in das Papier lochen konnte. Die Grundidee war schon durch Werkzeugmaschinensteuerungen bekannt aber nicht auf Zeichnen übertragbar. Zuse erfindet das Binärgetriebe, bei dem in der Drehzahl gestufte Getriebewellen additiv verzahnt wurden, so dass am Ende eine Summengeschwindigkeit des Tisches entsprechend der Biteingabe erreicht wurde. Die Schaltung erfolgte über Kupplungen. Die Geschwindigkeitsänderung musste so schnell erfolgen, dass eine Kurve ohne Zacken gezeichnet werden konnte. Die Zahnräder wurden durch die Massenkräfte des Tisches und de Getriebe extrem belastet. Obwohl später die Schrittmotoren herauskamen, war der Graphomat lange Jahre der zuverlässigste Plotter und sehr erfolgreich, sowohl als Gerät selbst als auch zur Ankurbelung des damit verbundenen Rechnerverkaufes. Ein besonders gut einsehbares Exemplar steht im Zuse-Museum in Hünfeld.
Zuse gründet die "Zuse-Benutzer-Gemeinschaft". Man trifft sich mit Kunden einmal jährlich.
Ende 50er Jahre Ausbau der Geschäfte im Ostblock.
Umzug von Neukirchen nach Bad Hersfeld in eine ehemalige Textilfabrik mit ständiger Audehnung durch Anmietung verstreut gelegener Gebäude in der Stadt. Firmenneubau auf der grünen Wiese.
Zunehmende Probleme durch
- Expansion (komplizierte Abläufe, Zuständigkeitsprobleme)
- Kostenexplosion (vor allem Entwicklung , Personalkosten)
- Softwarekrise (von den Kunden erwartete -kostenfreie- Lieferung des Betriebssystems -Multitasking- und der Compiler)
- Erstarkende Konkurrenz, vor allem durch IBM, Siemens
- Vorfinanzierung wegen Mietverträgen (Der Cash-flow kam nur langsam und später, der Bau musste finanziert werden.)
Trotz guter Auftragslage und Gewinne bis ca. 1962 steckte die Zuse KG in finanziellen Schwierigkeiten, denn der Kapitaleinsatz musste drastisch steigen, um den Marktherausforderungen zu begegnen. Dennoch verkaufte Zuse nicht sondern nahm den Teilhaber "Rheinische Stahlwerke" auf, in dessen Konzern die Firma aber Fremdkörper war . Mit dem Z25-Desaster stand alles auf der Kippe.
1964 stieg die BBC (Brown, Boveri &Cie Mannheim) ein, indem sie alle Anteile außer den K.Zuse-Anteilen sowie alle Schulden übernahm. Konrad Zuse bleibt Geschäftsführer.
1967 übernahm Siemens diese Anteile, wobei K.Zuse die Geschäftsführung aufgeben musste. Der Firmenname wird gelöscht. Die Entwicklung der Z26, einer aussichtsreichen (schnell und flexibel) Kurzwortmaschine wird eingestellt.
